Einführung zur Thematik des Menschenbildes

Wer heute im Internet nach der Antwort sucht, aus was der Mensch besteht, bekommt wahrscheinlich folgende Informationen: Sauerstoff, Kohlenstoff, Wasserstoff und Stickstoff etwa 96%, der Rest weitere Elemente. Bei der Betrachtung dieser Tatsache stellen sich vielleicht schon die ersten Fragen, wie zum Beispiel, kann ein solches Gemisch tatsächlich leben, Intelligenz entwickeln und Verantwortung empfinden. Ist es wirklich so, dass, wenn sich diese Elemente auf eine bestimmte Weise gruppieren, einmal ein Mensch entsteht, das andere Mal vielleicht ein Tier, oder bleibt es eine Materieanhäufung?

Ein eher scherzhaftes Beispiel kann das Problem verdeutlichen. Eine Frau und ein Mann leben zusammen und es „funktioniert“ eigentlich recht gut. Irgendwann lernt der Mann aber eine andere Frau kennen und beginnt mit dieser heftig zu flirten. Die Frau bemerkt das und stellt den Mann zur Rede. Der verteidigt sich „meine Hormone haben verrückt gespielt“. Später bereut er es und versucht, seine alte Beziehung wieder herzustellen. Die Frau antwortet: „soll ich mit den Hormonen in deinem Körper sprechen oder denkst du, du kannst das selbst?“ Sind wir also als Mensch nur eine Stoffsammlung, deren Verantwortungsgefühl, Bewusstheit und Persönlichkeit von der Gruppierung einzelner Stoffe abhängt?

Weltanschauungen wie die „Anthroposophie“ hier im Westen oder der „Integrale Yoga“, der von Sri Aurobindo begründet wurde, verfolgen hier einen anderen Ansatz. Analog der Einteilung in Mineralreich, Pflanzenreich, Tierreich und Menschenreich sprechen sie von einer mineralischen oder stofflichen Grundlage, die physischer Leib genannt wird. Dieser physische Leib wird vom nächsthöheren Leib durchdrungen, dem Lebensleib oder Bildekräfteleib, von Sri Aurobindo auch „Vital“ genannt. Dadurch erhält er eine bestimmte Form, verfügt über bestimmte Äußerungen des Lebens, wie Wachstum, Fortpflanzung, Ernährung. Die Verbindung von Lebensleib und physischem Leib kennzeichnet das Pflanzenreich. Der Lebensleib, auch Ätherleib genannt, hat in etwa die Form des physischen Körpers. Die Erde als Element ist dem physischen Leib zugeordnet, das Wasser, das Lebenselixier, dem Lebensleib, auch Ätherleib genannt.

Das Tierreich ist gekennzeichnet von einem weiteren höheren Leib, dem Bewusstsein, der die beiden anderen Leiber durchdringt. Mit dem Bewusstsein kommen weitere Kräfte in die Ausgestaltung, wie die Möglichkeit der eigenständigen Bewegung, ein Gefühls- und Wahrnehmungsleben, ein Wille. Das Bewusstsein kann Lebensleib und physischen Leib verlassen, man spricht dann von der Bewusstlosigkeit. Tier und Mensch können bewusstlos werden, für die Pflanze ist das der Normalzustand. Der Leib, der das Bewusstsein trägt, wird auch Astralleib genannt. Er ragt in Form eines Eies über den physischen Leib hinaus. Das Element ist die Luft: die bewegte Leichtigkeit des Gedankenlebens.

Der Mensch besitzt einen geistigen Bestandteil, „Ich“ genannt, der ihn vom Tierreich unterscheidet. Mit dem „Ich“ kommen Fähigkeiten wie Denken, Sprechen, Lachen und Weinen, Verantwortung, Individualität und Moralität zu dem Menschen. Das „Ich“ macht jeden Menschen einzigartig und gibt ihm die Möglichkeit und Aufgabe, sich selbst auch als geistiges Wesen zu erkennen und zu entwickeln. Der Begriff der „Seele“ im mehr ursprünglichen Sinne kann wohl auf das „Ich“ angewandt werden. Das Element ist das Feuer: das Feuer und die Aufrichtekraft der Persönlichkeit.

Die Erforschung, wie diese Glieder des Menschen zusammenhängen, wie sie aufeinander wirken, ist ein unerschöpfliches und spannendes Aufgabengebiet, das unterschiedliche Geistesforscher zu unterschiedlichen Zeiten immer wieder neu dargestellt haben.

Weiterführende Literatur:
Rudolf Steiner : "Ein Weg zur Selbsterkenntnis des Menschen", GesamtausgabeNr. 16, auch als PDF im Internet erhältlich.
Heinz Grill: "Das Wesensgeheimnis der Seele", ISBN 978-3-9815855-5-1

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