Wie man Rudolf Steiner „liest“

Für mich war es am Anfang wirklich schwierig, Texte von Rudolf Steiner zu lesen. Ich war kurze, knappe Definitionen gewöhnt, mir liegen kurze, prägnante Sätze mehr als weitschweifende Erklärungen. Da die Texte von Rudolf Steiner zum Teil schon hundert Jahre alt sind, ist seine Schreibweise heute ungewohnt altmodisch, seine Sätze sind oft sehr verschachtelt, die Inhalte oft fremdartig. Wie kann man sich trotzdem die Annäherung erleichtern?

Eine wichtige Rolle spielt natürlich die innere Haltung zu den oft neuen Inhalten. Wir können hier einmal 2 Extreme beobachten, die totale Ablehnung und die unkritische vorbehaltlose Akzeptanz. Beide Haltungen sind denkbar ungeeignet für das Lesen anspruchsvoller Schriften. Eine günstige Haltung wäre etwa so zu beschreiben: offen für das Neue aber trotzdem abwartend, die Inhalte erst in Ruhe betrachten, nicht sofort integrieren. Eine Erwartungshaltung die das Gelesene sofort begreifen möchte oder aus den Inhalten nur das herausliest, das auf der eigenen Linie liegt, ist eher hinderlich. Sinnvoll ist ein ruhiges, oft mehrmaliges Betrachten der Inhalte und das eigenständige Durchdenken des Gelesenen. In den Gedanken sollte langsam ein Bild heranreifen zu dem sich oft eine bestimmte Empfindung entwickelt. Man hat hier in der Regel schon ein gutes Gespür, ob das eigene Bild eher falsch oder richtig ist, ob es noch sehr unvollständig ist, sich noch weiten möchte, oder schon einen „runden“ Eindruck macht. Eine ruhige, klare Bewusstheit ist hier natürlich hilfreich.

Nachdruck muss unbedingt darauf gelegt werden, dass die Inhalte eigenständig durchdacht werden. Das Übernehmen von Inhalten sollte erst nach sorgfältigen Erwägungen erfolgen. Nur dann, wenn durch das eigene Denken ein Inhalt begriffen und in seiner Richtigkeit erkannt wurde, kann man sich voll hinter den Inhalt stellen und ihn auch authentisch vertreten. Rudolf Steiner wandte sich immer wieder dagegen, dass seine Inhalte übernommen wurden, weil er sie vertrat, statt sich ernsthaft und selbständig darum zu bemühen. Ein kleines Beispiel dazu: er sagte einmal, es sei wichtig, wenigstens einmal am Tag etwas zu tun, das vollständig aus dem eigenen individuellen Wollen kommt und durch keine äußere Routine bestimmt ist, und wenn es nur wäre, die Blumentöpfe im Haus zu zählen. Was war die Folge? Anthroposophen begannen daraufhin, die  Blumentöpfe im Haus zu zählen…    

Ein kleiner Satz noch aus der „Bhagavadgita“, der heiligen Schrift der Hindus:

„Es ist besser, unvollkommen nach dem eigenen Gesetz zu leben als vollkommen nach dem Gesetz eines anderen.“

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