Soziales Leben – Gedanken aus der Geisteswissenschaft

Rudolf Steiner war Zeitgenosse der Wirren des ersten Weltkriegs und der sozialen Unruhen in den Nachkriegsjahren. In tiefer Sorge um die Entwicklung der sozialen Verhältnisse formulierte er Gedanken, die die Einrichtung des öffentlichen Lebens mit den Gesetzen der geistigen Welt verband. Einer dieser Grundgedanken ist, dass sich das äußere Leben in Übereinstimmung mit dem inneren seelischen Leben befinden sollte. Die drei Seelenkräfte „Denken, Fühlen, Wollen“ sollten sich in einer Dreigliederung im öffentlichen Leben widerspiegeln. Das Denken als die Triebkraft des Wirtschaftslebens, die Empfindung im Rechts- und politischen Leben ( man fühlt sich ungerecht oder gerecht behandelt ), und das Wollen im Geistesleben ( welche Werte will eine Gesellschaft? ). Diese Grundordnung nannte Rudolf Steiner „Soziale Dreigliederung“. Dabei war er sich sehr bewusst, dass es nicht möglich ist, ein so komplexes Gebilde wie das Zusammenleben der Menschen zu „regeln“. Er verstand das als Prozess, das soziale Leben immer wieder zu überprüfen, zu verbessern, Auswüchse zu vermeiden und an Entwicklungen anzupassen.

Dazu erarbeitete er sogenannte „Urideen“, die als Leitlinie für diesen Prozess verstanden werden können, aber nicht als Dogma, das fordert, wortgetreu umgesetzt zu werden. Geistesleben, Rechtsleben und Wirtschaftsleben arbeiten in der sozialen Dreigliederung zusammen, aber eigenständig und unabhängig von den anderen ganz nach den eigenen Regeln und Notwendigkeiten.

Das Wirtschaftsleben umfasst in diesem Sinne die Produktion, die Verteilung und den Konsum von Waren. Rudolf Steiner prägte für das Wirtschaftsleben den Begriff „assoziativ“. Wirtschaft dient dazu, Menschen so mit den benötigten Waren zu versorgen, dass die Arbeiter von ihrer Arbeit leben können und die Menschen sich die Produkte leisten können. Produzenten, Händler und Konsumenten setzen sich zusammen und klären, wie das in günstiger Weise umgesetzt werden kann. „Brüderlichkeit“ ist hier das Stichwort.

Das Geistesleben im Sinne der Dreigliederung umfasst Erziehung, Schulwesen, Wissenschaft, kulturelle Werte und verwaltet und bestimmt sich selbst auf freier und unabhängiger Grundlage. Ziel ist es, die in einem Menschen veranlagten Talente und Fähigkeiten möglichst individuell zu fördern und zu entwickeln und diese Talente dann auf günstige und menschenwürdige Weise wieder dem sozialen Organismus zuzuführen. Wie viele wertvolle Talente bleiben z.B. in den USA aufgrund des Schulsystems ungenutzt? Das Stichwort für das Geistesleben ist „Freiheit“.

Das Rechtsleben steht zwischen Geistesleben und Wirtschaftsleben. So wie sich die Politik nicht einmischen soll in wirtschaftliche Fragen so sollte auch das Rechtsleben frei und unabhängig von Beeinflussungen des Wirtschaftslebens sein. Das Rechtsleben regelt die Verhältnisse von Mensch zu Mensch und verhilft den sogenannten "Schwachen" zu einem würdigen und gerechten Standpunkt im Leben. Das Stichwort für das Rechtsleben ist „Gleichheit“.

Rudolf Steiner stand direkt nach dem ersten Weltkrieg in Gesprächen mit hochrangigen politischen Vertretern wie Max von Baden, denen er seine soziale Dreigliederung darstellen konnte. Obwohl Vorgespräche hier günstig verlaufen waren, fehlte es den führenden Persönlichkeiten letztlich am erforderlichen Mut, hier neue Wege zu gehen.

In unserer Zeit ist das Thema wieder sehr aktuell, besonders für die Personen, die nach einem dritten Weg des Wirtschaftens abseits vom Gegensatz „Kommunismus <-> Kapitalismus“ suchen. Wer sich über die soziale Dreigliederung näher unterrichten möchte findet hier gute Informationen: www.dreigliedrung.de. Beiträge, die „Urideen“ zur sozialen Dreigliederung vorstellen, sollen in den nächsten Wochen folgen.

 

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