Die Folgen des Deutschunterrichtes

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass die Erinnerungen an das, was ich in meiner Gymnasialzeit im Deutschunterricht gelernt habe, mit der Zeit doch recht verblasst sind. Aber an was ich mich noch gut erinnern kann ist die Auseinandersetzung mit den großen deutschen Philosophen Hegel, Fichte und Schelling. Nicht dass ich hier wirklich tiefgehende Kenntnisse erworben hätte, aber durch den Unterricht wurde die Frage nach dem eigenen Ich gestellt und ich versuchte, sie mit den Mitteln, die ich eben hatte, zu beantworten. Ein Fiasko mit langjährigen Folgen.

Ganz egal, in welche Richtung ich dachte und was ich auch versuchte, immer fand ich einen Einfluss oder eine Kraft unter der ich stand. Die Vererbung gab meinen Körperbau vor, die Erziehung und die Bildung gaben meine Denkweise vor, die Erfahrungen die ich machte wirkten sich aus, Lust und Launen beeinflussten mich, die Schule bestimmte, was ich lernen sollte, meine Sympathien und Antipathien drängten mich in verschiedene Aktivitäten. Kurz, wenn ich darüber nachdachte, fühlte ich mich wirklich unfrei und fremdbestimmt. Mit den Jahren vertiefte sich dieser Eindruck, denn ich lernte den Begriff „alte Muster“ kennen.

Was macht das sogenannte „alte Muster“? Es taucht immer dann auf, wenn man es nicht brauchen kann, übernimmt die Führung über das Bewusstsein, reagiert und handelt, wiederholt natürlich immer wieder die gleichen Verhaltensweisen und bestimmt so über die eigene Person. Wer kennt es nicht, man wird 30 Jahre alt, 40, bleibt aber bei den Eltern immer das Kind, das man mal war. Oder es gibt Reizthemen, bei denen man einfach fast unbewusst reagiert. Oder es gibt bestimmte Menschentypen, gegen die man sich nicht wehren kann. Beispiele gibt es hier mehr als genug. Viele Personen, die ich in meinem Leben kennenlernte sprachen über die Probleme mit den „alten Mustern“ und wie gerne sie diese Determinierung überwinden würden. So war für mich der Gesamteindruck eher so, dass der Begriff der Gedankenfreiheit eher theoretischen Wert hat, der Alltag aber unter den verschiedensten Vereinnahmungen und Beeinflussungen, woher auch immer, diese Gedankenfreiheit nicht erreicht.

Eine ganz andere Welt tat sich mit dem Studium verschiedener Yogarichtungen auf. Hier wurde das Thema der Loslösung von alten Mustern nicht als etwas Besonderes oder besonders schwer zu erreichendes Ziel dargestellt, sondern war ganz einfach integraler Bestandteil dieser verschiedenen Wege. Ja, es wurde sogar die vollständige Befreiung als traditionelles und höchstes letztes Ziel der Hindus angesprochen. Moksha, die Befreiung von der Bindung an die Welt, die innere Vereinigung mit dem höchsten Selbst, das Auslöschen des Karma, die vollständige Freiheit.

Ja, da stand ich nun mit meiner Weisheit. Klar war, dass man eine uralte Weisheit, die so oft bestätigt worden ist, wie die klassischen Yogawege nicht als Unsinn abtun kann. Klar war aber auch, dass ich mich nicht als Einsiedler in den Urwald zurückziehen oder in einem Ashram landen würde. Wenn hier ein Ziel in Frage kam, dann nur ein Ziel, das meine Stellung in der Welt nicht antasten und mich nicht zum Sonderling machen würde. Alltagstauglichkeit war die Devise. Gab es eine Möglichkeit, sozusagen die Fühler in Richtung Freiheit auszustrecken, gleichzeitig aber auf dem Boden verankert zu bleiben?

Die Lösung war für ein Problem dieser Größenordnung erstaunlich simpel. Es ist wichtig, eine gute, fundierte Vorstellung von den beiden großen Bewegungsrichtungen zu gewinnen, die als Pole des Seelenlebens gesehen werden können. Zum einen die Bewegung, die ganz aus dem eigenen Innenleben kommend, auf die Welt zugeht, die eigenen Gefühle und Willensimpulse auf die Welt projiziert, subjektiv ist. Die andere Bewegungsrichtung, die mehr beobachtend die Eindrücke von der Welt, vom Objekt her, aufnimmt, die bemüht ist, die eigene subjektive Welt nicht in die Eindrücke der Außenwelt einfließen zu lassen. In dieser Bewegungsrichtung kann man sich durch Übung soweit schulen, dass tatsächlich das eigene Innenleben zum Schweigen kommt, es zu einer Loslösung vom Alten kommt. Wie weit man auf diesem Weg voranschreiten kann, ist ganz in das Bemühen des Einzelnen gestellt. Durch diese objektive Gedankenbildung, die auch von Gedankengängen herausragender Persönlichkeiten ausgehen kann, stabilisiert und beruhigt sich das eigene Innenleben, ein Zentrum wird spürbar und auch das eigene Innenleben wird objektiver wahrgenommen und kann auch in der Tiefe verändert werden. Diese Übungsweise, die ein verstärktes, objektiveres und somit auch freieres Gedankenleben hervorbringt, kann man am besten als mentalen Schulungsweg bezeichnen.

Verschiedene Personen in Indien, aber auch in Europa, haben diesen mentalen Schulungsweg in vielen Facetten beschrieben. Gute Einführungen sind zum Beispiel bei Rudolf Steiner und Heinz Grill zu finden. Wer das mehr aus östlicher, indischer Sicht kennenlernen will, wird zum Beispiel bei Sri Aurobindo oder Sri Sivananda fündig.  

 

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