Die vier Wesensglieder des Menschen nach der anthroposophischen Geisteswissenschaft

Die vier Wesensglieder des Menschen nach der anthroposophischen Geisteswissenschaft

Seit jeher wurden in geisteswissenschaftlichen Schulen auf der ganzen Welt Modelle erarbeitet um dem Mysterium des Menschen in seiner ganzen Komplexität näher zu kommen. So geben zum Beispiel der griechische Philosoph Plato wie auch die alten indischen Yogaphilosophien verschiedene Vorgehensweisen und Einteilungen. Entscheidend für die Wahl eines Modelles dürfte sein, welche Kriterien und Zusammenhänge zur Darstellung gelangen sollen. So kennt auch die Anthroposophie verschiedene Einteilungen in 3,4,7 oder 9 Wesensglieder des Menschen.

Es scheint, dass die alte, überlieferte Trichotomie, also die Einteilung in Leib, Seele und Geist, heute eine Erweiterung benötigt, die den Lebensleib oder Ätherleib, mit in die Darstellung einbezieht. Diese Grundeinteilung in 4 Wesensglieder findet sich sowohl im Westen bei Rudolf Steiner, als auch in Indien bei Sri Aurobindo. Sie gibt die Möglichkeit, die tiefen, zentralen Prozesse im Menschen besser zu verstehen und in eine günstige Entwicklung zu bringen. Diese 4 Wesensglieder werden in der Anthroposophie mit Physischer Leib, Ätherleib, Astralleib und Ich benannt.

Obwohl alle geisteswissenschaftlichen Betrachtungsweisen den physischen Leib als Endprodukt eines seelisch-geistigen Entwicklungsprozesses auffassen, soll er hier an erster Stelle stehen. Rudolf Steiner beschreibt den physischen Leib als Form, die mit mineralischen Bestandteilen durchsetzt ist. Was sind diese mineralischen, materiellen Bestandteile? Zu 96% Sauerstoff, Kohlenstoff, Wasserstoff und Stickstoff. Dann Calcium und weitere Elemente, die auf der Erde vorkommen wie Phosphor, Kalium und Schwefel. Ich schaffe es nicht, Begriffe wie „Menschenwürde, Persönlichkeit, Individualität“ mit einer Ansammlung aus Gasen und anderen Stoffen zu verbinden. Es erscheint mir auch als absurd, eine Stoffansammlung erziehen zu wollen, ihr Ästhetik oder künstlerische Fähigkeiten zuzuschreiben. Wie die sehr zahlreichen sogenannten „Ursuppenexperimente“ gezeigt haben, würde so ein Stoffgebilde nicht aus sich heraus zu leben beginnen, sich formen, wachsen oder sich fortpflanzen. Es bliebe ein toter Materiehaufen, der nach dem Ablauf bestimmter chemischer Reaktionen zerfallen würde wie es jeder menschliche Leichnam tut. Dem physischen Leib fehlen Leben, Bewusstsein und der individuelle Geist des Menschen.

Die Lebensfunktionen ordnet Rudolf Steiner dem Ätherleib zu, den Sri Aurobindo das Vital nennt. In der Rudolf-Steiner Gesamtausgabe (GA 170) „Das Rätsel des Menschen. Die geistigen Hintergründe der menschlichen Geschichte“ werden diese Lebensfunktionen ausgeführt und den sieben Planeten zugeordnet. Rudolf Steiner unterscheidet:

  1. Atmung Saturn
  2. Wärmung Jupiter
  3. Ernährung Mars
  4. Absonderung Sonne
  5. Erhaltung Venus
  6. Wachstum Merkur
  7. Reproduktion Mond

Und gibt dazu folgende Erläuterungen: „Das Leben aber pulsiert durch den ganzen Organismus, und das Leben ist wiederum differenziert. Da haben wir zunächst etwas, was in einer gewissen Weise in allem Lebendigen sein muß: die Atmung. Jenes Verhältnis zur Außenwelt, das die Atmung ist, muß gewissermaßen in jedem Lebendigen sein. Ich kann mich jetzt nicht im einzelnen darauf einlassen, wie es wiederum für die Tiere, Pflanzen und Menschen differenziert ist; aber in jedem Lebendigen ist in einer gewissen Weise die Atmung. Die Atmung des Menschen wird immer wieder erneuert durch etwas, was er von der Außenwelt aufnimmt; das kommt allen Sinnesbezirken zugute…Als zweites können wir unterscheiden die Wärmung. Sie tritt ein mit der Atmung; aber sie ist etwas anderes als die Atmung. Die Wärmung, die innerliche Durchwärmung ist eine zweite Art, das Leben zu unterhalten. Eine dritte Art, das Leben zu unterhalten, ist die Ernährung. Da haben wir die drei Arten, dem Leben von außen mit Lebensprozessen entgegenzukommen: Atmung, Wärmung, Ernährung. Zu alledem gehört die Außenwelt. Atmung setzt voraus einen Stoff, beim Menschen die Luft, beim Tier auch die Luft. Wärmung setzt voraus eine ganz bestimmte Wärme der Umgebung, zu der wir uns in eine Beziehung setzen. Denken Sie sich nur einmal, wie Sie unmöglich innerlich mit der richtigen Wärme leben könnten, wenn die Temperatur in Ihrer Umgebung höher oder tiefer wäre! Denken Sie sie sich um hundert Grad tiefer: Ihre Wärmung wäre nicht mehr möglich, Ihre Wärmung hörte auf; oder um hundert Grad höher: Sie würden nicht bloß schwitzen! Ebenso ist die Ernährung notwendig, insoweit wir den Lebensprozeß als Erdenprozeß betrachten.

Jetzt kommen wir mit den Lebensprozessen mehr ins Innere. Da haben wir den nächsten Prozeß, der schon mehr dem Inneren angehört, das, was man nennen könnte die Umformung, die Verinnerlichung dessen, was aufgenommen worden ist von außen, die Umwandlung, die Verwandlung des von außen Aufgenommenen. Ich möchte, konform mit der Art, wie wir das einmal früher benannt haben, diese Umformung wiederum mit denselben Ausdrücken bezeichnen. Es gibt in der Wissenschaft noch keine Ausdrücke dafür; man muß sie erst prägen, weil man alle diese Dinge noch nicht unterscheidet. Diese innerliche Umformung dessen, was von außen aufgenommen wird, die also rein inneren Prozessen unterliegt, die können wir wiederum uns vierfach vorstellen. Das erste, was innerlich auftritt nach der Ernährung, ist die innere Absonderung. Absonderung ist es schon, wenn nur das aufgenommene Nahrungsmittel dem Körper mitgeteilt wird, wenn es ein Glied im Organismus wird. Es ist nicht nur die Absonderung nach außen, sondern die Mitteilung desjenigen, was durch die Nahrungsmittelsubstanz aufgenommen wird, im Inneren. Die Absonderung besteht zum Teil in Abgabe nach außen oder aber in der Aufnahme der Nahrungsmittel. Das ist eine Absonderung durch diejenigen Organe, die eben der Nahrung dienen: Absonderung in den Organismus hinein. Was so abgesondert ist in den Organismus hinein, das muß erhalten werden im Lebensprozeß, das ist wiederum ein besonderer Lebensvorgang für sich, den wir als Erhaltung bezeichnen müssen. Damit aber das Leben bestehen kann, muß es nicht nur das, was es aufnimmt, erhalten, sondern es muß es vergrößern. Jedes Lebendige unterliegt einer innerlichen Vermehrung: Wachstumsprozeß im weitesten Sinne; Wachstumsprozeß gehört zum Leben, Erhaltung und Wachstum.

Und dann gehört zum Leben hier auf Erden die Hervorbringung des Ganzen; der Wachstumsprozeß erfordert nur, daß ein Glied das andere hervorbringt. Reproduktion ist ein Prozeß, der höher ist als das bloße Wachstum, der das gleiche Individuum hervorbringt.

Außer diesen sieben Prozessen gibt es keinen weiteren Lebensprozeß mehr innerlich. In sieben Prozesse zerfällt das Leben.“

Rudolf Steiner nennt den Ätherleib, den Aristoteles Threptikon nannte, auch Bildekräfteleib. Damit wird die charakteristische Tätigkeit des Ätherleibes genannt, der in ständiger Bewegung Kräfte sammelt, verwandelt und in eine neue Gestalt überführt. Der Autor Heinz Grill hat diese Tätigkeit sehr anschaulich und sehr gut zugänglich in seinem Buch „Das Wesensgeheimnis der Seele“ dargestellt. Er schreibt:

„Der Ätherleib trägt das Kennzeichen der Anziehung in sich. Seine besondere dynamische Kraft liegt in der Fähigkeit, Kräfte, die in der Umgebung sind, in sich selbst zu akkumulieren und sie wieder in eine weitere, nächste Gestaltung zu führen. Das Element des Wassers besitzt ebenfalls eine besondere Fähigkeit zu Anziehungen. Es zieht beispielsweise die Mineralien des Bodens an, um mit diesen eine weitere fruchtbare Gestaltung zu erzeugen. Das Wasser zieht aber auch im besonderen Maße die Wärme und das Licht der Umgebung an, damit es dies in die irdischen Verhältnisse mit neuen Gestaltformen hineinorganisieren kann. Der Ätherleib ist am besten mit „Anziehungsleib“ und „Gestaltbildeleib“ zu übersetzen, denn er sucht mit diesen Eigenschaften seine erbauende und lebenserhaltende Dynamik  auszuführen.

Gleichzeitig begehrt der Ätherleib all dasjenige, was im Menschen nur halb fertig geworden ist, zu einem Runden und Ganzen weiter zu entwickeln. Er liebt das Verbindende, sich Rundende und sucht die Harmonie von Bewegungen, die tendenziell sich sammelnd und gegenseitig ergänzend verlaufen und die sich auf verschiedene Weise zentrieren und sich dennoch in ein größeres Ganzes einfügen. Die folgende Zeichnung, die aus einer beginnenden kreisförmigen Bewegung ausgleitet und sich zunehmend spiralig nach innen einrollt, verlebendigt eine sehr typische Gestik des Ätherleibes. Zwei Punkte sind übereinander zur Markierung der jeweiligen Ausgangspunkte für den Anfang gegeben.  So strömt eine Bewegung kreisförmig nach unten und kreisförmig nach oben, sie strömt nicht nur innrhalb der vertikalen Linie, sondern sucht sich ein Zentrum in einer geschmeidigen Mitte. Die Welt des Äthers beschreibt und offenbart die Verbindung der Gegensätze. Aus der Zweiheit entsteht das bewegte, erschaffende Leben.

Der Ätherleib selbst besitzt neben der Anziehungskraft immer auch die Aufgabe, das Werdende in ein Gedeihen zu führen. In diesem Sinne ist er mit der zeitlichen Komponente des menschlichen Lebens unmittelbar verbunden. Es kann nicht eine Werdeform geben, wenn es nicht eine bisherige und vergangene Form gibt und gegeben hat. Diese zeitliche Dimension des Ätherleibes ist außerordentlich wichtig, denn sie lässt sich in allen Bewegungsformen  erkennen. Das menschliche Bewusstsein ist auf diese ätherische Werdetendenz, die in allen Bewegungsformen wie ein tiefer Atemprozess angelegt ist, nur nicht genügend aufmerksam.“

Diese Aussagen von Heinz Grill lassen sich gut mit bestimmen gebräuchlichen Redewendungen verbinden. So sagt man etwa zu einer gelungenen, harmonischen Veranstaltung „das war eine runde Sache“, oder man sagt, „langsam wird es rund“ wenn etwas auf dem Weg zur Vollendung ist. Auch die Sprichworte „Übung macht den Meister“ oder auch „etwas geht in Fleisch und Blut über“ können mit der faszinierenden Tätigkeit des Ätherleibes verbunden werden.

Ein weiteres großes Gebiet für die Auseinandersetzung mit dem Ätherleib ist das weite Feld der Energien. Die Beschreibung hier soll sich aber auf ein paar wenige Punkte beschränken. Die Energien sind ständig in Bewegung, sie fließen, sie sind nicht auf das Leibliche beschränkt sondern korrespondieren mit der Außenwelt, nehmen diese auf und integrieren sie. Man kann zwei Hauptströmungen unterscheiden, die Im Yoga als Prana und Apana bekannt sind. Apana strömt von oben bzw. von außen nach unten und innen. Prana strömt zentrifugal nach oben und außen. Beide Ströme sollten in einem guten Gleichgewicht und in einer guten Verbindung sein. Überwiegen zum Beispiel die unteren Kräfte erscheint der Mensch wie abgekapselt, in sich verschlossen. Sind die oberen Kräfte zu stark ist der Mensch zu sehr offen, nicht mehr „richtig auf der Erde“. In beiden Fällen wird der physische Leib nicht mehr richtig ergriffen und die Folge ist eine zunehmende Erschöpfung, physisch und psychisch.

Auch Entwicklungsblockaden oder ungünstige Umwelteinflüsse können den Fluss der Energien behindern. Unsere Kultur mit ihren Anforderungen, mit Stress und Überforderungen, der Hetze und Überreizungen belastet den Ätherleib zusätzlich. Einen Ausgleich können Übungen schaffen, die einen Aufbau der sogenannten Ätherkräfte fördern. Der Autor Heinz Grill beschreibt in seinem Buch „Das Wesensgeheimnis der Seele“ verschiedene Möglichkeiten den Ätherleib zu unterstützen. Genannt sei auch das Buch „Der freie Atem und der Lichtseelenprozeß“ vom gleichen Autor.   

Wesentlichen Anteil an der lebensunterhaltenden Funktion des Ätherleibes hat der Astralleib, oder etwas grob gesprochen, das menschliche Bewusstsein, von Paracelsus auch „siderischer Mensch“ genannt. Rudolf Steiner hat das Mysterium des Astralleibes oftmals von den verschiedensten Gesichtspunkten aus beschrieben. Einer dieser Gesichtspunkte betrifft die sogenannten Bewusstseinszentren, die im Yoga auch „Chakra“ genannt werden. Da heutzutage Yogakurse sehr populär sind, möchte ich gerade diesen Aspekt hervorheben. Es werden 7 dieser Bewusstseinszentren genannt, die den Planeten zugeordnet sind. Viele Beschreibungen existieren, die den Chakren, den Bewusstseinszentren verschiedene Aspekte zuordnen, wie Farben, Klänge, Elemente oder die Anzahl der Bewusstseinsaspekte. Rudolf Steiner hat für die einzelnen Zentren, die er Lotusblüten nannte, Darstellungen gegeben, die Kerninhalte für die Entwicklung des menschlichen Seelenlebens darstellen können. Diese Inhalte werden mehr spezifisch für Geistschüler in „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten“ ( ist als PDF im Internet erhältlich )  ausgeführt, aber auch ganz allgemein für jeden Menschen zutreffend im Zusammenhang mit den Planeten. So wird von Rudolf Steiner etwa die Mondensphäre als der Bereich beschrieben, der geprägt ist von den menschlichen Begierden, die Merkursphäre als der Bereich, in der die moralische Gesinnung entscheidend ist, die Venussphäre als die Sphäre des religiösen Verständnisses.

Eine Weiterführung und Weiterentwicklung dieser grundlegenden Gedanken von Rudolf Steiner kann im Buch „Die Seelendimension des Yoga“ von Heinz Grill gefunden werden. Der Autor beschreibt darin genau jene 7 Seelenebenen und bringt sie in einen Zusammenhang mit dem sozialen Leben und verschiedenen Yogaübungen, den Asanas:

„In einer vereinfachten, annähernd zutreffenden Analogiedarstellung können diese verschiedenen Seelenbezirke den sogenannten sieben Energiezentren, den cakra, den feinstofflichen Sammelstellen für Energie, zugeordnet werden. Das Wort „Energiezentrum“ dürfte zu einem der verführendsten Worte in der Yogaszene zählen, denn eine Energie ist eigentlich immer unkonkret und kann die verschiedensten Bewegungen und Richtungen nehmen und somit Wahrnehmungen vortäuschen, die versehentlich als Empfindungen der höheren Welten genommen werden. Besser wäre es, wenn für diese Beschreibung das allgemeine Wort „Energiezentrum“ mit dem weiteren, etwas gehobeneren Bild der sogenannten Lotusblüte beschrieben wird und diese Lotusblüte mit den Blättern der seelischen Qualitäten eine sehr charakterisierende und konkrete Bezeichnung erhält. Denn nicht irgendeine Art undefinierte Energie befindet sich in den cakra, den Rädern, sondern Eigenschaften der Seele bestimmter Art, die, wenn sie entwickelt sind, das Leben von innen heraus bereichern. Diese sieben Zentren sind von unten nach oben, vom Steißbein entlang der Wirbelsäule bis zum Haupte und Scheitel lokalisiert. Die einzelnen Übungen des Yoga sollen die spezifischen Eigenschaften der cakra auf bewusste Weise fördern und eine Steigerung der ihr zugehörigen seelischen Substanz bewirken. Der Weg zu dieser Entwicklung funktioniert nicht und sogar keinesfalls mit „Energien“, wie man diese in der Yoga-Szene heute versteht, sondern nur durch eine sehr intensive Auseinandersetzung, bei dem der Praktizierende lernt, sein Bewusstsein im Denken, Wahrnehmen und in einem zurückgehaltenen und dennoch wohl positionierten Wollen in allen Phasen der Übung zu beteiligen. Nicht aus dem Unbewussten oder aus passiver Anteilnahme an den Übungen entwickelt der Praktizierende einen Aufbau der inneren Seelenwelten, sondern durch eine gezielte, aktive Formung der Vorstellungsinhalte und des nachfogenden Beobachtens der entstehenden Empfindungen lernt er jene Regionen kennen und auch diese aufzubauen, die sich hinter den äußeren Sympathie- und Antipathiegefühlen des Daseins verbergen.“

Für die Entwicklung dieser Seelenbezirke geeignete Vorstellungsinhalte werden in einzelnen Kapiteln erläutert. Kleine Auszüge aus diesen Kapiteln zu den einzelnen cakra sollen einen Eindruck dieser Vorstellungsinhalte vermitteln.

Das muladhara-cakra, das Wurzelzentrum und das Erdelement:

…Die Kraft zur Entscheidung ist eine große Dimension, die aus dem konkreten und emotionsfreien Gedanken geboren wird und durch den Willen ihre Realisierung findet. Wenn sie der Übende auf vernünftige, nicht übertriebene, sondern gezielte Weise entwickelt, so können Würde und Edelmut entstehen. Durch die Aufrichtekraft innerhalb der urbildlichen Persönlichkeitssubstanz lassen sich die kleinlichen Ängste, verirrten Erwartungen an den Körper und niedrigen Begehrenswünsche, die das Leben peinigen, überwinden. Die Überwindung all jener Gefühle, die tatsächlich rein äußere Begehrensformen darstellen und unnötige Unruhen erzeugen, ist eine Aufgabe, die durch Übungen verdeutlicht werden kann und die schließlich zu einer wachsenden Festigkeit des muladhara-cakra, des Wurzelzentrums führen kann…

Das svadisthana-cakra und das Wasserelement

…Die Seele erlebt sich in dieser zweiten Region in ihrer Vertrauenskraft zum moralisch Guten. Diese Vertrauenskraft aber gedeiht und wächst während des irdischen Lebens in besonderem Maße, wenn sich der Mensch, der in einen Körper eingebunden ist, nicht so sehr auf die gemütshaften und spürbaren Sicherheiten in seinem Temperament verlässt, sondern rechtzeitig diese in ruhiger Beobachtung gewähren lässt und dennoch aber sich zu höheren Idealn und Wertvorstellungen besinnt. Durch eine angemessene Haltung gegenüber den eigenen persönlichen Lebensenergien und einem fortschrittlichen Aufbau zu größeren Idealen steigert sich die Kraftumsetzung im Inneren des Seelenleibes und somit gewinnt der Einzelne auf dem Pfad der Entwicklung eine größere Kapazität und kann moralisch hochwertig leben und sich auch selbst weiterhin in der Moralität verbessern…

Das manipura-cakra und das Luftelement

…Der Übende, der dieses Zentrum entwickeln möchte, beschäftigt sich weiterhin mit Zielen und Zielvorstellungen und entwickelt einen ästhetischen Sinn für die einzelnen Körperhaltungen oder für eine erstrebenswerte, schöne Haltung im Leben. Diese Auseinandersetzung mit Zielvorstellungen erscheint deshalb so wichtig, da alle Ziele, die sich jemand vornimmt, eine Anziehungskraft aus dem Denken für die Zukunft besitzen. Das Willensleben, um das es sich bei dem manipura-cakra handelt, besitz immer die Tendenz, eine nächstmögliche und größere zukünftige Leistung oder Vervollkommnung in das Leben hineinzubringen. Das Willensleben bildet mit seinem verborgenen Antrieb die Zukunftsvision. Ein Willensleben ist niemals vergangenheitsorientiert und es ist nicht einmal in der Gegenwärtigkeit des Lebens verankert. Aus diesem Grunde erscheint es so bedeutungsvoll, dass Ziele und Zielvorstellungen zu einer klaren Formulierung gebracht werden. Sie geben für das Gemüt die nötige Formkraft, sodass schließlich auf natürliche Weise der Wille in die Möglichkeit eines freien Raumes und einer gelösten Schaffenskraft hineintreten kann…

Das anahata-cakra und das Wärmeelement

…Das Herzzentrum ist der Ort der inhaltlichen Gestaltbildung, der Fähigkeit, dem Leben einerseits mit Ruhe, aber andererseits mit hoher Aktivität entgegenzugehen. Es ist das Herzzentrum wie eine Sonne, die auf stille Weise die ausgleichende und beruhigende Wärme für das Dasein spendet. Dem Leben geeignete, spirituelle Inhalte oder sogar Ideale zu geben, um freier und geordneter in allen Beziehungen leben zu können, und um Harmonie im Gleichgewicht zwischen den inneren Gefühlen und äußeren Notwendigkeiten des Dasein zu finden, und schließlich um dem Leben von einem wachsenden und größeren geistigen Ideal aus einen Beitrag zu geben, ist eine Aufgabe, die das Herzzentrum in seiner Mittelstellung fördert und das physische Herzorgan gesund erhält. Ein Gleichgewicht zwischen irdischer Schwere und geistiger Leichtigkeit durch die geeignete inhaltlich gestaltete Lebensbeziehung führt zu dem wohlklingenden Ton, der von vielen Yogins in ihrer Meditation im Herzen vernehmbar wurde…Ein sonnenhaftes Leben entsteht durch ein sozial-integratives, spirituelles Aktivsein. Wer dieses integrative, verbindende, spirituelle Dasein erstrebt, benötigt zu seiner inhaltlichen, gestaltbildenden Bewusstseinsaktivität eine klare, konkrete, gedankliche und nach Idealen ausgerichtete Regsamkeit, die mit den Prozessen der Hinwendung zum sozialen und irdischen Dasein mit gesunden Wahrnehmungen zusammenfließt. Aus der Synthese von Denken und Wahrnehmen entsteht schließlich eine sogenannte bildhafte Vorstellungstätigkeit. Das Leben wird bildhaft erlebt…

Das visuddha-cakra und die Unterscheidungsbildung zwischen körperfreiem und körperabhängigem Bewusstsein

…Auf dieser Ebene entsteht die praktische Fähigkeit, sich von alten Emotionen und halbfertigen Vorstellungen ablösen zu können und in konkreter Offenheit neue Gedanken, Eindrücke und Inhalte aufzunehmen und sie zu Vorstellungen zu kreieren. Diese eigenständige Bewusstseinsarbeit im Sinne einer Fähigkeit, sich selbst von bisherigen Gewohnheiten loszulösen und neue heranzubilden und somit auch jedem Menschen mit Bewusstsein und lebendiger, gedanklicher Auseinandersetzung zu begegnen, ist eine Aufgabe, die der Übende in dieser Stufe der Seelenqualitätsentwicklung lernt…

Das ajna-cakra und die Entwicklung einer frei schaffenden Gedankenkraft

…Diese Tätigkeit des Denkens erhebt die menschliche Seele zu ihrer möglichen geistigen Schaffenskraft. Das Denken wird somit zu einer selbstbewussten und wahren Grundlage des Menschseins. Es könnte nun ein Kritiker sagen, dass mit dieser denkenden und schaffenden Tätigkeit die menschliche Natur in eine absolute Versuchung stürzen kann, denn es wäre scheinbar möglich, durch die Denkprozesse allerlei negative Inhalte und Vorstellungen in die Geburt zu heben und deshalb eine zerstörende Wirkung zu verursachen. Es ist aber gerade das Gegenteil im eminentesten Sinne der Fall, denn wenn eine Person diese denkende Tätigkeit verweigert, und dies ganz besonder im reifen Erwachsenenalter, dann bemächtigen sich seinem Gemüte allerlei Fremdeinflüsse und ungesehene Begierden. Die Denktätigkeit als existenzielle geistschaffende Disziplin, verbunden mit Konzentrationsentwicklung und meditativer Beobachtung, schenkt eine außerordentlich stabilisierende und formgebende Kraft für den Menschen, dies sowohl für seine physische Gesundheit als auch für die emotionale und mentale Verfasstheit…

Das sahasrara-cakra und das Erleben der Bedeutung von Seeleninhalten

…Die siebte Region des Seelenlebens, die von dem Saturn regiert wird, kann man als karmaloka bezeichnen. Karma bedeutet Arbeit und gleichzeitig nimmt es in seiner umfassenden Charakteristik die Gesetzmäßigkeit des sogenannten Ursachenprinzips und des Wirkungsprinzips an. In diesem Sinne wird es wahr, dass all die Gedanken und Gefühle, die der Mensch sät, eine Folgewirkung besitzen und der Mensch in seinem karma das werden wird, was er selbst an Inhalt in sein Leben hineingetragen hat. Diese siebte Ebene offenbart dem Menschen die notwendigen Unterscheidungskriterien zu seiner eigenen Seelensituation und so weist sie all jenes zurück, was der Seelenentwicklung abträglich und dem Geistleben schädlich ist. Wer sich nun bemüht, Seeleninhalte in das Leben hineinzuführen -und Seeleninhalte sind mehr der Sonnenebene eigen, wie das bereits in den Ausführungen über das vierte Zentrum beschrieben wurde- und wer sich sorgfältig um die Richtigkeit dieser bemüht, wird schließlich auch einmal vom Saturn akzeptiert werden. Ansonsten schleudert der Saturn, der gewissenhafte Asket, den Menschen förmlich zurück und lässt ihn nicht in seine selige Erfüllung eintreten…

Zusätzlich zu diesen kurzen Auszügen aus dem Buch „Die Seelendimension des Yoga“ empfiehlt sich natürlich auch immer ein Grundlagenstudium, wie es Rudolf Steiner zum Beispiel in seiner Schrift „Die Geheimwissenschaft im Umriss“ gegeben hat.

Das vierte Wesensglied des Menschen ist das Ich, der eigentliche geistige Wesenskern. Vielleicht etwas überraschend beschreibt Rudolf Steiner dieses Ich als das am wenigsten vollkommene Glied des Menschen. Am vollkommensten ist der physische Leib, weniger vollkommen der Ätherleib, dann der Astralleib und das Ich steht gewissermaßen erst am Beginn seiner bewussten Entwicklung. Diese etwas ungewohnte Vorstellung deutet schon darauf hin, dass das Ich nicht mit der gleichen Selbstverständlichkeit in Anspruch genommen werden kann wie zum Beispiel der physische Leib. Es scheint sich auch um etwas anderes zu handeln, als das, was wir im Alltag als unser gewöhnliches „Ich“ bezeichnen. Wie beschreibt Rudolf Steiner selbst dieses Ich?

„Das Ich ist der göttliche Funken im Menschen. Die Inder nennen es Manas. Die Rosenkreuzer nennen es das Unaussprechliche. Durch dieses Ich, das durch nichts anderes ausgedrückt, mit nichts anderem vertauscht werden kann, erhebt sich der Mensch über alle anderen irdischen Wesen, über die Tierwelt und über die ganze Schöpfung.“

„Das eigentliche Wesen des Ich ist von allem Äußeren unabhängig; deshalb kann ihm sein Name auch von keinem Äußeren zugerufen werden. Jene religiösen Bekenntnisse, welche mit Bewußtsein ihren

Zusammenhang mit der übersinnlichen Anschauung aufrechterhalten haben, nennen daher die Bezeichnung «Ich» den «unaussprechlichen Namen Gottes». Denn gerade auf das Angedeutete wird gewiesen, wenn dieser Ausdruck gebraucht wird. Kein Äußeres hat Zugang zu jenem Teil der menschlichen Seele, der hiermit ins Auge gefaßt ist. Hier ist das verborgene Heiligtum der Seele. Nur ein Wesen kann da Einlaß gewinnen, mit dem die Seele gleicher Art ist. «Der Gott, der im Menschen

wohnt, spricht, wenn die Seele sich als Ich erkennt.» Diese Anschauung sagt durchaus nicht, daß das Ich Gott sei, sondern nur, daß es mit dem Göttlichen von einerlei Art und Wesenheit ist. Wie der Tropfen sich zum Meer verhält, so verhält sich das Ich zum Göttlichen.“

Wie geht man nun mit solchen Aussagen um? Wie setzt man sich in ein wirklich angemessenes Verhältnis zum Göttlichen? Welchen Anspruch können wir entwickeln? Und wie löst sich eigentlich der Widerspruch auf, der gegeben ist, wenn Rudolf Steiner einerseits vom „unvollkommensten Glied“ des Menschen spricht und andererseits vom Göttlichen? Das Göttliche unvollkommen? Oder sind wir einfach in der Art und Weise unvollkommen, wie wir diese Ich-Qualität in die Erfahrung und zum Erleben bringen können? Welcher Bereich unseres Lebens wäre am besten geeignet die ersten behutsamen Schritte zu tun?

Mit dem Anspruch, dass eine geistige Entwicklung nicht eine private egoistische Sache des Einzelnen sein kann, sondern der Entwicklung und dem Fortschritt der ganzen Menschheit dienen sollte, möchte ich hier als Erstes auf die „Philosophie der Freiheit“ von Rudolf Steiner verweisen. Ein schwieriges Buch, das dem Leser viel abverlangt. Belohnt wird er mit einer Erklärung der Welt, die die beiden „Wurzelfragen“, wie es Rudolf Steiner nennt, beantwortet. Die Frage nach sicheren Erkenntnissen der Welt und die Frage nach der menschlichen Freiheit. So schreibt er: „…Wir wollen nicht mehr bloß glauben; wir wollen wissen. Der Glaube fordert Anerkennung von Wahrheiten, die wir nicht ganz durchschauen. Was wir aber nicht ganz durchschauen, widerstrebt dem Individuellen, das alles mit seinem tiefsten Innern durchleben will. Nur das Wissen befriedigt uns, das keiner äußeren Norm sich unterwirft, sondern aus dem Innenleben der Persönlichkeit entspringt…“.

Kernpunkt ist das Erleben der Gedankenwelt, die zum einen Erkenntnisse über die Welt liefert, zum anderen aber auch die Grundlage der menschlichen Freiheit gibt. Das „Erleben“ der Gedankenwelt wird möglich durch ein seelisch verstärktes, schöpferisches, bildhaftes Gedankenleben, das sich durch das Ich erhebt aus allen Emotionen, intellektuellen Spitzfindigkeiten und überlieferten Gewohnheiten. Es wird unmittelbares Erleben der Gedanken und in diesem Erleben wird als Führungsinstanz das „Ich“ spür- und erlebbar. Aus dieser Gedankenwelt schöpft der Mensch seine Ideale, durchdenkt sie, gestaltet sie aus und durch das praktische Ausgestalten lebt schließlich das Ideal in der Welt.

In einer erweiterten Betrachtung entspricht dies wohl dem, was der Autor Heinz Grill in seinem Buch „Das Wesensgeheimnis der Seele“ als „sozialen Prozess“ beschreibt und in eine praktisch anwendbare Form bringt:

Zusammenfassung des spirituell-sozialen Prozesses

  1. Zunächst lernt man, die verschiedenen Willensvoraussetzungen wahrzunehmen und benennt diese mit Hilfe des sich kennenlernenden Gespräches. Ein Yogalehrer möchte, dass seine Klienten Fortschritte entwickeln, und der Klient trägt selbst in der Regel den Willen in sich, ebenfalls Fortschritte in Übung und Philosophie zu gewinnen. Ein Arzt möchte eine gute heilsame Arbeit ausdrücken, während der Patient in der Regel gesund werden möchte. Ein Pädagoge sehnt sich nach guter Unterrichtsqualität, ein Schüler gründet sich im Bedürfnis des Lernens. Diese Willensvoraussetzungen führen in der Regel zu einer ersten Basis. Sie sollten im gegenseitigen Miteinander besprochen und konstatiert werden.
  1. Für einen zweiten Schritt können die verschiedenen Empfindungen und Gefühle, die der Einzelne zu einem Fortschritt in der jeweiligen Arbeit besitzt, angesprochen werden. Sind es die gleichen Gefühle und Empfindungen oder sind sie sogar gänzlich verschieden? Welche Gefühle strebt der Lehrer an und welche der Lernende?
  1. Schließlich erfolgt eine Eruierung der Vorstellungen mit klaren Benennungen. Wie und mit welchen Ideen, Idealen stellt sich jeder den weiteren Weg des Lernens für die Zukunft vor? Wo liegen Unterschiede? Welche Ziele sind möglich, sie im Miteinander weiter zu verfolgen, und welche Ziele divergieren und müssen eventuell abgestimmt, korrigiert oder vielleicht sogar eliminiert werden? Indem klare Vorstellungen mit diesem dritten Punkt erfolgen, können Gefühlsunterschiede und zuletzt sogar Willenspolaritäten in eine Auflösung gelangen.
  1. Nach der Feststellung der verschiedenen Willens-, Gefühls- und Vorstellungsvoraussetzungen erfolgt das Kunststück der weiteren Entwicklung einer möglichen Idee, die sich schließlich zu einem gemeinsamen Ideal entfalten kann. Die Idee ist am Anfang eine Theorie, und „Theorie“ heißt „eine Gabe Gottes“. Indem die Idee zu einem Ideal und zu einer praktischen Realisation geführt wird, beginnt ein höherer Gedanke, eben eine Idee, ein Bestandteil der Welt zu werden.
  1. Indem der spirituell-soziale Prozess von der Theorie zur Praxis, von der Idee zum Ideal oder vom Gedanken zur Realisation arbeitet, ahmt der Arzt oder Pädagoge das kosmische Wärme- und Lichtwirken der Sonne nach. Durch das solide Gespräch, die Betrachtung und Untersuchung der Verhältnisse, die sowohl die Position des anderen und seine Auffassung als auch die eigene Standposition und Meinung betrifft, können Willens- und Gefühlsverhältnisse sehr harmonisch korrigiert werden. Anstelle von Willenseingriffen und emotionalen Übergriffen entstehen nun Möglichkeiten zur Willenserweiterung und schließlich zur emotionalen Ordnung.
  1. Durch das Erlernen des spirituell-sozialen Prozesses gewinnt der Übende auf allen Gebieten des Lebens eine gute Verbindung zu seinen Mitmenschen bei gleichzeitiger größtmöglicher Wahrung der Freiheit. Jene Ätherkräfte, die sich auf dieser Grundlage entwickeln, stärken den physischen Leib, ordnen das Seelenleben und erheben die geistige Kapazität.

In dieser kurzen Aufstellung wird einmal mehr deutlich, wie eng Spiritualität und Alltag verwoben werden können und welche Aufgabe ein geordnetes, geführtes und schöpferisches Gedankenleben im sozialen Miteinander erfüllen könnte.

Heinz Grill schrieb zur anthroposophischen Viergliederung des Menschen:

„Diese erweiterte und größere Interpretation des menschlichen Leibes mit seinen verschiedenen Gliedern, dem physischen Leib, dem Ätherleib, dem Astralleib und dem, wie man durchaus sagen kann, unsterblichen Ich, öffnet eine Sichtweise, die nicht als eine wertende und bewertende gelten darf und die keinesfalls fundamentalistische und dogmatische Züge akzeptiert, sondern die sich vielmehr in höchstem Maße um eine menschenwürdige, moralisch aufstrebende, erbauungsfähige, gesundheitsförderliche und tolerante Beziehungsaufnahme bemüht. Sie ist eine Bemühung, die langsam an ihrer Vervollständigung und fachlich-medizinischen Verwertbarkeit arbeitet und jenen Menschen entgegenkommt, die in sich das Bedürfnis nach geistiger Regsamkeit verspüren.“

   

 

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